Liegerad

Aus Radreise-Wiki

Ein Liegerad ist ein Fahrrad, bei dem der Fahrer von der Hüfte bis zu den Schultern auf einem Sitz mit nach hinten geneigter Lehne sitzt. Rennliegeräder haben oft sehr flache Sitze, in denen man eher liegt als sitzt. Tretlager und Pedale sind vorne am Liegerad. Wenn sich der Lenker oberhalb des Sitzes und zugleich ein Stück vor dem Sitz befindet, spricht man von einem Obenlenker. Ist der Lenker hingegen unterhalb des Sitzes, etwa in Höhe der Hüfte, spricht man von Untenlenker.

Liegeradtypen

Liegeräder gibt es in zahlreichen Varianten. Als Reiseräder geeignet sind folgende Typen:

  • Kurzlieger: Verbreitetste Bauform mit Tretlager vor dem Vorderrad. Kurzlieger sind mit knapp 2 m Länge in der Regel ähnlich lang wie ein aufrechtes Fahrrad. Wegen der geringen Höhe wirken sie allerdings deutlich länger.
  • Langlieger: Tretlager hinter dem Vorderrad, nur noch gebraucht erhältlich. Schwerer und sperriger als Kurzlieger, nicht so wendig.
  • Sesselrad: Hohe Sitzposition, aufrechte Lehne, Tretlager hinter dem Vorderrad. Oft hohe Gepäckkapazität, sperrig.
  • Knicklenker: Kurzlieger mit Gelenk im Rahmen, gelenkt wird aus der Hüfte. Extrem gewöhnungsbedürftig, dafür hat man beim Fahren immer beide Hände zur freien Verfügung.
  • Kurz-Liegedreirad: Mit drei Rädern, wie der Name schon sagt. Zwei gelenkte Vorderräder mit Tretlager dazwischen, ein Hinterrad (so genannte Tadpole-Anordnung, meistens geringe Kippgefahr). Sehr entspanntes Fahren bergauf, weil man kein Gleichgewicht halten muss. Schwer und beim Transport sperrig. Umlaufsperren sind häufig nicht durchfahrbar, man muss das Rad tragen.
  • Lang-Liegedreirad: Ein gelenktes Vorderrad vor dem Tretlager, zwei Hinterräder (so genannte Delta-Anordnung). Vor- und Nachteile wie beim Kurz-Liegedreirad.
  • Tandem: Für zwei Fahrer. Auch als Liegedreirad, dann immer mit Tadpole-Anordnung. Liegedreiräder Kettwiesel von Hasebikes kann man aneinanderkoppeln und so (hintereinander) gemeinsam fahren. Das An- und Abkoppeln ist auch auf Radreisen problemlos möglich.

Seltener, aber im Prinzip auch für Radreisen geeignet.

  • Velomobil: Vollverkleidetes Liegedreirad. Vor- und Nachteile ähnlich wie beim Liegerdreirad, außerdem hervorragende Aerodynamik, hervorragender Wetterschutz, meistens hohe Gepäckkapazität. meistens geringer Lenkeinschlag, noch schwerer und sperriger als Liegedreiräder. Transport nur mit dem Auto und bestimmten Eisenbahnzügen sinnvoll. Radreisen müssen daher häufig zu Hause beginnen und enden.
  • Ruderrad: Vortrieb wird mit Armen und Beinen erzeugt, Bewegungsablauf ähnlich wie beim Rudern. Meistens zum Ganzkörpertraining eingesetzt, im Prinzip aber auch für Radreisen geeignet.

Manche Liegeräder, Liegedreiräder und Tandems gibt es auch als Falträder, was den Transport erheblich vereinfachen kann.

Für und Wider

Vorteile

Liegeräder haben im Vergleich zu "normalen" Fahrrädern einige Vorteile:

  • Windschnittiger, besonders bei Liegerädern mit Obenlenker (weil die Arme vor dem Körper sind)
  • Erheblich komfortabler und damit entspannteres Fahren, besonders durch:
    • Keine Druckstellen am Gesäß wegen großflächiger Unterstützung des Rumpfes
    • Keine Belastung für Hände, Handgelenke, Arme und Schultern (speziell bei Untenlenker)
    • Entspannte Nackenhaltung (bei korrekter Sitzeinstellung schaut man gerade nach vorne und muss den Kopf weder nach unten neigen noch in den Nacken nehmen)
  • Bei den meisten Liegerädern ändert sich das Fahrverhalten praktisch nicht, wenn man Gepäck mitnimmt. Deswegen gibt es auch keine unterschiedlichen Liegeräder für Reisen und den Alltag.

Nachteile

  • Durch die geringere Sitzhöhe kann man nicht über PKW schauen; Brückengeländer und Deiche versperren die Sicht in die Landschaft (dieser Nachteil entfällt in der Regel bei Sesselrädern).
  • Meist sind Liegeräder etwas schwerer als aufrechte Reiseräder.
  • Liegeräder sind etwas umständlicher zu tragen als aufrechte Räder, was den Transport etwas schwieriger machen kann.
  • In schwierigem Gelände ist es kaum möglich, die Balance durch Körpereinsatz zu halten.

Tipps

Auf dem Liegerad werden andere Muskelgruppen beansprucht als beim aufrechten Rad, sodass eine Umgewöhnung erforderlich ist. Insbesondere der Geschwindigkeitsvorteil durch die bessere Aerodynamik stellt sich erst nach einiger Zeit ein. Man spricht hier von etwa 1000 Kilometern.

In einer Eingewöhnungsphase von etwa 10-20 km ist es etwas schwieriger, das Gleichgewicht zu halten. Man sollte bei der ersten Fahrt sofort relativ kräftig in die Pedale treten und Geschwindigkeit aufnehmen, denn wie jedes Zweirad sind Liegeräder umso stabiler, je schneller sie sind.

Fahren mit Klickpedalen ist dringend empfohlen, weil man ohne leicht von den Pedalen abrutschen kann, besonders bei unebener Strecke (v. a. bei Schlaglöchern). Außerdem ermöglichen sie, auch mal die „Füße hängen zu lassen“ und entlasten damit die Muskulatur - ansonsten müssen die Beinmuskeln nicht nur den Vortrieb leisten, sondern auch noch die Beine hochheben, damit sie auf den Pedalen bleiben. Und schließlich erleichtern Klickpedale enorm einen runderen Tritt, wodurch Muskelkraft effizienter eingesetzt werden kann.

Durch die Abstützung im Sitz kann man enorm viel Druck auf die Pedale bringen, unabhängig vom Körpergewicht. Das kann allerdings die Knie schädigen, sodass man dies nur kurzzeitig tun sollte. Eine hohe Trittfrequenz ist daher gerade beim Liegerad dringend zu empfehlen.

Menschenscheu sollte man als zukünftiger Liegeradfahrer auch nicht unbedingt sein, denn ein Lieger fällt schon mehr auf als ein Aufrechtrad.

Lieger als Reiserad

Es gibt zahlreiche reisetaugliche Liegeräder, die mit Gepäckträgern für vier seitliche Taschen lieferbar sind, oft sogar für vier große Taschen. In die Regel befinden sich alle vier Taschen hinter dem Sitz. Bei Sesselrädern hingegen ist meistens Platz für zwei Taschen unterhalb/neben des Sitzes und zwei dahinter. Außerdem kann man wie üblich eine fünfte Tasche auf dem Gepäckträger unterbringen. Von Ortlieb gibt es speziell geformte Liegeradtaschen.

Platz für eine Lenkertasche gibt es hingegen normalerweise nicht. Es ist daher eine gewisse Herausforderung, Dinge so unterzubringen, dass man während der Fahrt rankommt. Recht gut nutzbar sind meistens die rechte und linke Trikottasche, da diese (im Gegensatz zur mittleren) nicht auf dem Sitz liegen. Möglich ist der Einsatz einer kleinen Bauchtasche (wobei der Verschluss seitlich sein muss und nicht in der Rückenmitte). Außerdem gibt es spezielle Liegeradtrikots, bei denen die Taschen vorne sind.

Auch Trinkflaschen sind nicht immer leicht anzubringen. Eine mögliche Lösung ist eine am Gepäckträger angebrachte Trinkblase.

Letzten Endes gilt auch bei der Entscheidung für oder gegen ein Liegerad: nur ausprobieren kann wirklich weiterhelfen, am besten bei einem kompetenten Händler oder bei netten Liegeradfahrern - und möglichst mehrere Typen von Liegerädern testen, überlegen, wo Lichtanlage, Tacho, Wasservorrat und Gepäck unterzubringen wären - und dann erst entscheiden.

Kaufentscheidungshilfen

Tipps für den Kauf eines Reiseliegerades.

  • Nutze das Internet, um dir einen Überblick über das Liegerad zu verschaffen, lese Reiseberichte, verfolge Foren (z.B. das Liegeradforum, Liegeradforum).
  • Nutze Veranstaltungen (Spezialradmesse Germersheim, CycleVision Lelystad/Zandvoort). Dort kann man schon mal probefahren.
  • Da man bei Schlaglöchern und Bordsteinkanten nicht aus dem Sitz gehen kann, ist eine Federung sowohl für den Alltag als auch für Fahrten mit Gepäck unerlässlich. Bei langen Liegerädern, wie Langliegern (nur noch gebraucht erhältlich) und Sesselrädern ist in der Regel so wenig Last auf dem Vorderrad, dass eine Heckfederung ausreicht.
  • Gebraucht oder neu? Es gibt beim HPV, im Liegeradforum oder bei Sperrmuell.de z.B.) mögliche Angebote.
  • Kaufe keinesfalls auf Verdacht. Eine oder mehrere Probefahrten solltest du unbedingt machen. Das hängt auch davon ab, wie talentiert du bist und wie sicher du dich fühlst. Einige Händler bieten auch organisierte Ausfahrten und/oder die Möglichkeit, ein Rad über mehrere Tage zu mieten. Dabei hat man die Möglichkeit, auch auf die Details zu achten, was am Anfang wegen des ungewohnten Fahrgefühls schwierig sein kann.
  • Bei der Probefahrt sollte eine zweite Person beim Anfahren unterstützend helfen. Ein paarmal Anfahren üben und du wirst sehen, wie schnell du danach Geradeausfahren kannst.
  • Fahre Rückspiegel. Du behältst den Überblick und gewinnst Sicherheit. Später kannst du dich aus dem Sitz aufrichten und nach hinten schauen. (Beides ist sehr stark vom Radtyp, dem Einsatzzweck und der individuellen Veranlagung abhängig.) Sehr praktisch kann ein Brillenspiegel sein, weil er durch das Drehen des Kopfes die rückwärtige Sicht zur Seite ermöglicht, beispielsweise für Spurwechsel nach rechts.
  • Übe das Fahren mit Klickpedalen. Verzichte aber auf das Einrasten in die Pedale an kritischen Stellen, wie Ausfahrten, beim Anfahren, beim Fahren auf Schotter etc.
  • Installiere einen Trittfrequenzmesser. Du kannst somit vermeiden niedertourig und mit zu hoher Kraft zu fahren. Allgemein sollte Trittfrequenz 90 nicht unterschreiten.
  • Mitunter verbessern oder verschlechtern andere Reifen oder das Fahren mit Gepäck etc. das Fahrverhalten. Probiere es einfach aus.
  • Die erste Einfahrphase braucht ca. 1000 km. Nach gut 3000 km solltest du fit für große Touren sein.

Weblinks

Deutsches Liegeradforum
Schweizer Liegeradforum
Über die Erfindung des Liegerads
Liegeradmagazin
HPV
Liegerad-Profis

Hersteller

Flux
Hase Spezialräder
HP Velotechnik
Azub
Catrike
Challenge
Flevobike
M5
Nazca
Optima
Toxy
Radius ZOX